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Longwood Forrest

Der Longwood Forrest und die Rache der Ratten

Wenn einem der Trail eine Sache ganz zu Anfang lehrt, dann ist das folgende Lektion:

Verabschiede dich von all deinen Erwartungen und sei auf alles gefasst.

Ich melde mich also etwas früher als Erwartet zurück aus dem TUI Base Camp in Tuatapere. Die letzten zwei Tage, in denen wir (Ich habe Gesellschaft bekommen ?, dazu später mehr) den Longwood Forrest durchquerten waren körperlich wie mental ziemlich strapazierend.

Der Longwood Forrest ist ein Reservat im südlichen Teil der Südinsel. Chinesische Minenarbeiter haben hier im 19. Jahrhundert nach Gold gegraben. Dazu wurde zu Transportzwecken ein water-race angelegt, eine Art künstlich angelegter Bach. Darauf wurden Werkzeuge, Maschinen und Gestein befördert. Der Trail schlängelt sich entlang diesen Flusses bis ins Herz des Waldes. Wenn man den Wald von der Küste aus betrachtet, könnte man meinen, es sei ein Wald wie bei uns zuhause. Jede Menge angrenzende Kuhwiesen und Schafweiden lassen nichts besonderes erahnen. Im Wald stellt man aber schnell fest, dass es sich um einen waschechten Urwald handelt 😀

Riesige, uralte, von Moos bedeckte Bäume, herabhängende Lianen, unzählige verschiedene Fahngewächse und kleine und größere Wasserfälle soweit das Auge reicht. Aber das Auge reicht hierdrin nicht weit. Selten kann man weiter als 20 bis 30 Meter sehen. Faszinierend, wie die Natur hier ungestört wuchert. Ohne den Pfad und die verlassenen Minen hat es hier vermutlich schon vor 10000 Jahren genau so ausgesehen. Wenn hier ein Tyrannosarurus aus dem nächsten Busch springt, würde man sich vermutlich garnicht so doll wundern ?.

Ich bin also noch allein unterwegs und laufe den kleinen, teilweise sehr unwegsamen Pfad entlang. Nicht selten muss ich über Holzplanken balancieren um den Fluss zu kreuzen oder unter halb-umgestürzten Bäumen herkriechen. Ich war in Rekordzeit von oben bis unten eingesaut.

So abwechslungsreich die Pflanzenwelt hier auch ist, nach 5-6 Stunden kann diese dichte Vegetation sehr bedrückend oder einengend wirken. Schwer zu beschreiben. Man ist mit seinem Kopf allein und folgt einer Wegbiegung nach der anderen. Immer wieder. So können sich irgendwann 30 Minuten wie 3 Stunden anfühlen.

Deshalb war ich zwar sehr geschafft, aber auch überglücklich, als ich nach knapp 9 Stunden die Martin’s Hut erreichte. Dort saßen schon Luigi und Julius.

Luigi ist ein schmaler, vollbärtiger Franzose und kam aus Richtung Norden. Er hatte den Trail zu diesem Zeitpunkt also fast hinter sich, was man ihm auch ansah: Braungebrannte, wettergegerbte Haut und Waden in Honigmelonen-Größe ?. Daran erkennt man jeden, der einem aus Richtung Norden entgegen kommt und der in Cape Reinga gestartet ist.

Julius kommt aus Hessen und ist ein großer, kräftiger und sehr sympathischer Kerl. Mit ihm bin ich bis heute gemeinsam unterwegs und wir planen die weiteren Schritte zusammen.

Beide bereiteten grade ihr Abendessen vor während ich es mir komplett erschöpft auf dem Boden gemütlich machte. Wir quatschten ein wenig, machten uns aber bald zum Schlafen fertig.

Die Martin’s Hut ist über hundert Jahre alt und verfügt über vier Betten und ein Plumsklo:

Bildquelle: https://tramping.net.nz/huts-fiordland/martins-hut-longwood-forest-conservation-area

Was wir zu diesem Zeitpunkt nicht wussten, war, wie viele Ratten in dieser Bude eigentlich hausen. Im Halbschlaf hörte ich immer wieder zischende und knackende Geräusche. Ich hoffte, es sei bloß der Wind, oder was auch immer. Aber als ich mir fast sicher war, dass da was am nagen war, hörte ich Luigis Stimme: “Guy’s, they are on your bags”.

Wir hatten unsere Taschen präventiv schonmal an den morschen Balken in der Hütte aufgehangen. Diese Rechnung hatten wir aber ohne die akrobatischen Fähigkeiten der Ratten gemacht: Im Schein meiner Taschenlampe sah ich die Silhouette meiner Tasche und einen herabhängenden zuckenden Rattenschwanz. Ekel und eine gute Portion Panik kamen in mir hoch, als ich es unter meinem Bett und an mindestens fünf weiteren Stellen in der Hütte krabbeln hörte. Muss ich erwähnen, dass ich Ratten hasse?

Egal wo wir meine Tasche hinhangen, die Ratten kamen irgendwie doch dran. Ich warf also einen Müsliriegel vor die Tür und Julius hatte einen sehr dünnen Strick, an dem wir die Tasche befestigten und sie von der Decke baumeln ließen. Von da an war einigermaßen Ruhe. Später liefen mir die Mistviecher noch mindestens zwei Mal viel zu nah !auf meiner Matratze! an meinem Kissen vorbei. Ich bin halb abgedreht. Die einzige Alternative wäre aber ein 35-Kilometer-Marsch durch den dunklen Wald gewesen. Und ohne klare Sicht auf die Wegmarkierungen hätte ich mich sicher verlaufen.

Letztenendes hatte ich allerhöchstens drei Stunden geschlafen und meinen Schlafsack vollgeschwitzt. Früh am nächten Morgen habe ich mir einen doppelten Instant-Kaffee reingezogen und bin, gemeinsam mit Julius, Richtung Norden losgezogen. Wir verstehen uns super und sich beim Wandern unterhalten zu können ist wirklich sehr angenehm.Die Ironie an der Geschichte ist, dass die Ratten sich ausschließlich um mich und mein Gepäck gekümmert haben. Die anderen blieben verschont. Ich stamme nunmal praktisch aus der Umgebung von Hameln und selbst hier am anderen Ende der Welt kennt fast jeder die Geschichte vom “Rattenfänger von Hameln”. Das finden die Leute irgendwie sehr lustig. War wohl The revenge of the Rats, die Rache der Ratten.

2 Antworten auf „Longwood Forrest“

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